10.04.2014

M.ANY/ Found Footage (Youtube)/ 08:22 min/ 4:3/ 2009


https://vimeo.com/91612297
















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M. ANY besteht aus Found Footage Videomaterial von Amateurfilmern, die Bei-
träge ihrer Wohnungen ins Netz stellen und somit Zugang bzw. Einblicke in ihren Privatraum ermöglichen. Lebensräume, die etwas über ihre Bewohner verraten, die Intimsphäre. Die unterschiedlichen Videoausschnitte werden miteinander zu einer Architektur verbunden und durchschritten. Künstliche Übergänge werden hergestellt. Bild und Ton sind voneinander getrennt. Das Foto, Konservierung und Moment vom Tod des Autors nach Roland Barthes, taucht immer wieder innerhalb des ursprünglichen Mediums, in Form von Unterbrechungen, Störungen, Irritation und Stillstand auf. Alle zusammen ergeben Einblicke in eine absurde seltsame Szenerie der Überwachung und Selbst-
entblößung. Ein Ensemble von Zeichen, Bildern und Übergängen, die sich zu einer Narration zusammenfügen. Das Internet wird zum theatralen, performativen Raum, zur Bühne der Selbstinszenierung. Das eigene Spiegelbild bekommt eine neue Bedeutung. “Im Spiegel sehe ich mich dort, wo ich nicht bin, in einem irrealen Raum, der virtuell hinter der Oberfläche des Spiegels liegt. Ich bin, wo ich nicht bin...Aber zugleich handelt es sich um eine Heterotopie, insofern der Spiegel wirklich existiert, und gewissermaßen eine Rückwirkung auf den Ort ausübt, an dem ich mich befinde. Durch den Spiegel entdecke ich, dass ich nicht an dem Ort bin, an dem ich bin.” (Michel Foucault, Von anderen Räumen)
Der Blick durch die Räume ist ein - durch mich ein zweites mal manipulierter - konstruierter Blick, der sich auf visueller Ebene immer weiter fortsetzt. Der durch Fortführungen und Verdoppelungen erzeugte Raum erscheint künstlich entfremdet und wird zu etwas Bedrohlichem. Der Betrachter wird zum Stalker. Grenzen zwischen privat und öffentlich, zwischen Innen und Aussen, Subjekt und Objekt verschwimmen, werden sichtbar und stellen das Realitätsprinzip von wahr und falsch in Frage. Eine Inszenierung, eine Solo - Show, die sich wieder und wieder innerhalb des Mediums selbst reproduziert und zu einem neuen Ge-satmtbild, innerhalb einer künstlich hergestellten Welt, dem Internet, aneinanderfügt. Eine Bühne, die die eigene Wohnung zur Bühne, die von der Öffentlichkeit mitbespielt wird, macht. Ein virtueller Blick in den Innenraum, in die Seele - durch den Apparat, den Screen. Das Spiegelbild wird Selbstbildnis und Schwelle zu einer sichtbaren Welt. Beziehungen zwischen der Innenwelt und der Aussenwelt, zwischen real und virtuell, zwischen anwesend und abwesend entstehen. Der Bruch des Kreises von der Innenwelt zur Umwelt bringt laut Jacques Lacan die unerschöpfliche Quadratur der Ich-Prüfung hervor. Eine Zerstückelung des Körpers befindet sich in ihm und in seiner räumlichen Befangenheit. Genauso, wie die Wohnung in einzelne Fragmente zerstückelt wird, und so, durch deren Aneinanderfügen ein neues Gesamtbild entsteht, konstruiert sich eine Identität, die sich und allen anderen im Spiegelbild begegnet.

Blind Couple/ Analoge Fotografien und Found Footage (Youtube)/ Farbe und SW/ Installation im Loop/ 09:03 min/ 2009


Blind Couple

















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Das Bild in “Blind Couple” wird durch einen Splitscreen getrennt. Beide Videos in den einzelnen Screens gehen von einem unterschiedlichen Ursprungsmedium aus. Private Fotos aus dem Familienarchiv treffen auf öffentliches Videomaterial, analog trifft auf digital. Der Anordung der Fotografien, entstanden zwischen ca 1925 und 1946, die in einer statischen langsamen Bewegung eine Schwerfälligkeit der Vergangenheit repräsentieren und einer abstrakten Geschichtserzählung folgen, werden Videos der Internetplattform Youtube nebenangestellt. Beide Bilder repräsentieren zwei unterschiedliche Zeitebenen von Vergangenheit und Gegenwart. Dokumentation von Vergangenheit trifft auf Dokumentation von Gegenwart. Archiv auf Archiv. Beide verbinden sich auf visueller Ebene, wechseln ihren Platz, existieren einer in der “Zeit“ des anderen, um wieder zu einzelnen Fragmenten zu werden und sich voneinander zu lösen. Ein Nebenander unterschiedlicher Geschwindigkeiten und Ästhetiken, die der Verschiedenheit ihrere Herkunft entsprechen.
Bewegt und statisch erfordert für das Auge unterschiedliche Sehgewohnheiten. Stets verliert sich der Blick, angezogen durch seine visuellen Reize im digitalen Bewegtbild. Der Ablauf ist geprägt von dem Element Wasser. In unterscheidlichen Aggregatszuständen und Bedeutungen taucht es als Element des Lebens, jedoch gleichzeitig auch als konstante Bedrohung auf. Tragendes und Vernichtendes. Im Splitscreen treffen Szenarien aufeinander, die gemeinsam autonome Zustände beschreiben, sich als Narration ergänzen und dann in einem neuen Bild verlieren, bzw fortsetzt. Straßen, Züge, Schiffe und Flugzeuge, technische Errungenschaften und Fortbewegungsmittel haben Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung genommen und prägen ihren Fortschritt. Dazwischen tauchen Katastrophen auf, die die Utopie der Bilder durchbrechen und immer wieder auf die Rückkehr einer ständigen Bedrohung durch diesen Fortschritt verweisen.

Pass Age/ Analoge animierte Fotografie/ SW 05:14 min/ 4:3/ 2008

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In langsamen sphärischen Bewegungen von Details und Ausschnitten wird die Dekonstruktion eines Bildes zur visuellen Grundlage der Arbeit. Der Versuch einer Rekonstruktion, wie jene der Erinnerung, wird unternommen. Die einzelnen Fragmente wiederum erzählen visuell ihre eigene Geschichte. Auf der Tonebene “hört” man das eigentlich “Sichtbare” der Fotografie. In der Entfremdung vom ursprünglichen Motiv, in der Distanz und Abstraktion, liegt die eigentliche Nähe. Im Detail wird eine eigenständige Bedeutung erzeugt, die Einblicke in eine andere fremde Welt gewährt. Diese beginnt sich langsam dem Betrachter zu öffnen. Das Video basiert auf einem alten Familienfoto um 1930. Ebenso, wie das Bild seine Herkunft verbirgt, indem es einen Moment der Vergangenheit, der unwiderruflich ist, als Motiv, als Dokument und Zeugnis seines eigenen “Todes”, sein Abbild einer Zeit danach überlässt, gibt es vor etwas zu sein, was es nicht ist. Der Text im Voiceover ist angelehnt an Georges Didi-Hubermans “Phasmes“.
Auszug aus “Phasmes“:
Vollkommen disparate, nur in ihrem “blitzhaften Zusammentreten“ (Walter Benjamin) einander ähnliche Erscheinungen liefern der Ausgangspunkt für Didi-Hubermans Überlegungen. Er kreist seine, zunächst ganz nebensächlich erscheinenden Gegenstände ein, bringt sie dem Leser in erzählerischer Weise nah, löst anfangs gemachte, höchst fragwürdig erscheinende Aussagen auf und führt so auf einem mit Bezügen zu Psychoanalyse, Philosophie, Literatur reich gepflasterten Weg zum Kern seines Gedankens. Das in seiner Beiläufigkeit surrealistischen Bildfindungen ähnliche Prinzip dieser Essays folgt keiner rationalen logischen Konsequenz, sondern in Anlehnung an die Freudschen Bilderrätsel traumhaften Bezügen.

06.04.2014